Mit unerwarteten Fragen die eigene Biografie schreiben.

Als ich auf der Suche nach Anregungen zum biografischen Schreiben war, bin ich auf dieses schmale Büchlein mit einem Umfang von 122 Seiten gestoßen. Allein der Titel hat mich verführt, das Buch zu kaufen. Meine Erwartung war, ein Büchlein voller spannender Anregungen zu erhalten. Ich wollte kein Buch, in dem ich mich durch lange Erklärungen lesen muss, wie eine Autobiografie aufgebaut ist, was ich alles beachten muss, was ich unbedingt vermeiden sollte. Mein Wunsch waren Impulse. Und Fragen sind mit die besten Impulse beim Schreiben, denn sie regen dazu an, Antworten zu finden. 

Vorüberlegungen, wenn man eine Autobiografie schreiben will

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil gibt es Anleitungen, Ermutigungen und Tipps zum Schreibprozess. Der zweite Teil enthält die versprochenen 300 Fragen.

Das Vorwort lädt die Lesenden erst einmal ein, das Verfassen einer Autobiografie ernst zu nehmen. Der erste Satz lautet: „Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen.“ Und noch auf der ersten Seite zwei Absätze später schreibt die Autorin: „Erinnerungen sind nicht nur für Sie selbst wertvoll.“ Damit begrüßt sie schon den Wunsch, seine eigene Lebensgeschichte aufschreiben zu wollen und bestärkt ihn. Dann weist sie daraufhin, dass das Schreiben keine einfache Sache sein wird und man Zeit und Geduld mitbringen muss. Sie betont den Kern ihres Buches: Die 300 Fragen sollen dazu anregen, sich mit seiner eigenen Person auseinanderzusetzen, sich (neu) kennenzulernen und über den Alltag hinaus zu gehen. Die Fragen sollen die Menschen weiterführen in ihren Gedanken und Gefühlen, sie sollen herauskitzeln, was einen im Leben wirklich geprägt hat.

Das Vorwort endet mit zwei wichtigen Hinweisen: Gerhild Tieger betont, dass es erstmal darum geht, mit dem Schreiben anzufangen und erst später die Überlegungen stattfinden brauchen, ob man für sich selbst schreibt oder ob und was man mit anderen teilen möchte. Und der zweite Hinweis ist eine Aufforderung, die so kurz erscheint und doch beim Schreiben so wichtig ist: „Nur Mut!“

Anleitungen, wie man eine Autobiografie schreiben kann

In den vier Kapiteln danach gibt die Autorin einen groben Überblick über die Phasen des Schreibens. Es beginnt zuerst mit der Vorarbeit und Vorab-Überlegungen. Zunächst wäre es hilfreich, sich zu entscheiden, ob man eine Autobiografie verfasst (also sein ganzes Leben – meist chronologisch erzählt – niederschreibt) oder ob es Memoiren und Erinnerungen werden sollen. Diese zwei Unterscheidungen nimmt Gerhild Tieger vor und erklärt kurz den Unterschied dabei. Danach geht es ans Recherchieren und Sammeln. Auch das Verfassen einer Autobiografie darf und soll damit beginnen, erst einmal Material zusammenzutragen. Dabei geht es in erster Linie darum, was in uns Erinnerungen hervorruft, was uns dabei unterstützt, Erlebnisse aus unserem Leben zu erzählen. Dazu zählen Fotos, alte Tagebücher, Briefe, aber auch Gespräche mit Freunden und Familie. 

Dann geht es ans Schreiben. Dieses Kapitel teilt Gerhild Tieger in zwei Entscheidungen: Welche Erzählperspektive wählt man für seine Lebensgeschichte. Knapp fasst sie zusammen, was die Vorteile der Ich-Perspektive sind und warum es sich auch lohnen kann, einen Erzähler zu haben. Die zweite Entscheidung dreht sich um die eigene Arbeit am Text: Welches Medium wählt man? Schreibt man per Hand oder doch gleich am Computer? Und welchen Rhythmus kann man zum Schreiben finden? Wie regelmäßig setzt man sich an seinen Text? 

Im Kapitel Schreiben gibt die Autorin einige Tipps, wie der Text lebendig gestaltet werden kann: szenisch schreiben mit allen Sinnen, Dialoge schreiben, mit Details immer wieder in die Tiefe gehen und mit der eigenen Stimme schreiben, einen eigenen Ausdruck finden. 

Mutig, stolz und fröhlich anfangen

Zwei Themen sind mir besonders in dem kurzen Schreibkapitel aufgefallen: Zurecht warnt Gerhild Tieger davor, dass man beim Schreiben auf sich aufpassen muss, besonders wenn man persönliche Erinnerungen beschreibt. Schreiben lässt uns wieder erleben, wieder fühlen und so kann ein seelischer Schmerz auftauchen. Daher finde ich es sehr gut, dass die Autorin in ihrem Buch das auch anspricht – sie warnt davor, gibt aber auch Mut, diesen Schmerz zuzulassen und Schreiben zu nutzen, um dies zu verarbeiten. Mehr dazu findet sich in diesen Büchern: Schreiben zur Selbsthilfe  und Schreiben als Selbstcoaching.

Ebenso wichtig finde ich den Fokus auf den Anfang des Schreibens. Die Autorin zeigt zum einen mit verschiedenen Beispielen, wie in eine Autobiografie eingestiegen werden kann, wie diese Anfänge in den Bücher aussehen könnten. Damit inspiriert sie, einen ganz eigenen Anfang zu finden. Zum anderen spricht sie davon, sich einfach einzulassen auf das Schreiben und zu beginnen. Den ersten Schritt machen, ist ihr Plädoyer. Dazu gibt sie sogar noch einen konkreten Impuls: Wer noch nicht den Mut hat, zu beginnen, der soll sich ein Ereignis aus seinem Leben nehmen, das einen „seelisch stark bewegt hat“ (S. 23). Dazu fängt man dann an zu schreiben. Und sobald man einmal angefangen hat, wird es danach meist leichter. Dieser Tipp gefällt mir sehr gut. Jedoch habe ich tatsächlich ein Problem mit ihrer konkreten Aufforderung. Die Autorin rät nämlich dazu, ein Ereignis oder eine Erinnerung zu wählen, die einen negativ bewegt hat. Sie schlägt vor, eine Liste mit Verlusten anzulegen, die man im Leben schon erlebt hat. So würde der Anfang gleich schwierig werden und einen emotional wahrscheinlich aufwühlen. Seelisch stark bewegen können einen aber auch sehr euphorische Momente. Ich würde lieber den Tipp geben: Schreibe über ein Erlebnis in deinem Leben, bei dem du dich  besonders froh, stolz, lebendig, hoffnungsvoll gefühlt hast. 

Gedanken zu Wahrheiten und Veröffentlichungsabsichten

Nach dem Kapitel über das Schreiben folgen noch zwei erklärende Kapitel: Wahrheiten und Veröffentlichen. Wahrheiten beinhaltet Gedanken zum Umgang mit der Wahrheit. Man sollte sich fragen: Wie viel gibt man preis? Wie offen ist man? Und wo muss man vielleicht auch verfälschen, um andere Personen zu schützen? 

Und damit leitet sie auch zum Veröffentlichen über. Sehr verkürzt geht Gerhild Tieger darauf ein, welche Möglichkeiten man hat, seine Autobiografie zu publizieren. Dieses Kapitel bräuchte ich nicht. Der Gedanke ans Veröffentlichen muss nicht schon stehen bevor man überhaupt angefangen hat mit dem Schreiben. Für mich ist das Buch wertvoll, weil es das Loslegen stärkt, den Mut gibt, seine Lebensgeschichte zu verfassen. 

Fragen als Denkanstöße und Wege in die Erinnerung 

Und diesen Anfang ebnet die Autorin eben vor allem mit ihren 300 Fragen, denn „Fragen sind wie kleine Steine, die eine Lawine auslösen können. Fragen öffnen die Tür zur Erinnerung“ (S. 68). Als Hilfsmittel gemeint können diese Fragen in beliebiger Reihenfolge genutzt werden. 

In der Auswahl lassen sich Fragen finden, die mir recht typisch erscheinen: 

Was war Ihr Lieblingsspielzeug? (Frage 7) 

Welchen Beruf hatten Ihre Eltern? (Frage 15) 

Welches war Ihr Lieblingsfach? (Frage 53) 

Sind Sie zufrieden mit Ihrem Beruf? Welchen hätten Sie lieber gewählt? (Frage 188)

Diese Fragen helfen mir, bestimmte prägende Aspekte meines Lebens aufzuschreiben. Sie helfen mir auch eine Chronologie zu finden oder Verknüpfungen. Und sie sind zum Teil auch sehr leicht zu beantworten, sodass ich einfach ins Schreiben komme.

Doch für mich sind die eigenartigen und unerwarteten Fragen die spannenden: 

Wann fühlten Sie sich erwachsen? (Frage 128)

Um welchen Menschen würden Sie heute verzweifelt trauern? (Frage 273)

An wen denken Sie bei den Worten Warmherzigkeit, Fürsorge, Zuneigung, Zuverlässigkeit? (Frage 169)

Und die für mich merkwürdigste Frage: 171. Sind Sie Blut- oder Organspender?

Für mich ist es besonders anregend, Fragen zu nutzen, über die ich stolpere. Und diese Frage hat mich total stutzig gemacht. Warum sollte ich darauf antworten? Was hat das mit meinem Leben zu tun? Ist ja nur eine Ja-Nein-Frage. Was heißt das überhaupt? Bin ich das eigentlich? Und warum? Wie denke ich denn darüber? Bei mir hat es eine Gedankenlawine ausgelöst. Genau wie Frau Tieger vorhergesagt hat.

Mein Fazit und meine Empfehlung

Und so verstehe ich das Buch: Schlag das Buch bei den Fragen auf, greif dir eine heraus und schreib! Und dann weiter. Und weiter.  

Auch wenn ich nicht alle Tipps des Buches teile, kann ich das Buch empfehlen für alle Menschen, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben und dafür knackige Informationen und einen inspirierenden Anstupser suchen. Die Fragen sind wirklich das, was der Untertitel verspricht: Wege in die Erinnerung.

„Anleitung zur Autobiografie in 300 Frage“ von Gerhild Tieger 

(Ratgeber veröffentlicht 2004/2010 im Autorenhaus Verlag)

Hier geht’s zum Buch beim Verlag:Anleitung zur Autobiografie” 

Weitere Infos und Anregungen

Wenn du noch überlegst, ob auch du deine Autobiografie verfassen solltest, dann lies gern hier nach, warum es sich lohnt: https://www.schreibdrueber.de/autobiographisches-schreiben.

Drei weitere Ideen, wie du mit deiner Autobiografie beginnen kannst, findest du in dem Blogpost: 3 Wege, mit dem Schreiben der eigenen Biografie zu beginnen.

Workshop und Coaching

Und wenn du mit uns an deiner Biografie arbeiten möchtest, dann haben wir diese zwei Angebote für dich: 

1. Zweitägigen Workshop „biografisches Schreiben – der Start eines autobiografischen Schreibprojektes“ am 19. und 20. Juli 2025: erarbeite mithilfe unserer Impulse den roten Faden für deine Autobiografie. Tausche dich mit uns und den anderen Kursteilnehmenden darüber aus, wie du deine Biografie gestalten möchtest und wie das Schreiben einen Platz in deinem Alltag finden kann. Die Infos zu diesem Live-Webinar findest du hier:  „biografisches Schreiben – der Start eines autobiografischen Schreibprojektes“

2. In dem „Coaching Biografisches Schreiben“ widmen wir uns deinem Biografie-Schreibprojekt in persönlichen Einzelgesprächen, die wir individuell vereinbaren. Dich erwarten Schreibanregungen und Materialien passend zu deinen Anliegen. Du bekommst Antworten auf deine Fragen und Feedback auf deinen Text. Die Infos dazu findest du hier: Coaching „Biografisches Schreiben“.